Was macht es mit einer Stadt, wenn sich ihre Silhouette verändert? Das wollte Yves Geng vergangene Woche bei Telebasel von mir wissen, angesichts der rund 40 Türme, die in und um Basel geplant sind.
Meine Antwort: Die Silhouette ist das, was man sieht. Entschieden wird etwas anderes.
Für Klimaschutz braucht es keine Hochhäuser. Kompakte Siedlungsstrukturen sind laut Weltklimarat der wirksamste Hebel, und die nötige Dichte für 10-Minuten-Nachbarschaften erreicht man an geeigneten Standorten meist mit fünf, sechs Geschossen. Flächig statt hoch. Stadtökonomisch können Türme durchaus Sinn machen: an zentralen Lagen mit gutem öV, als Cluster gedacht oder entlang der Gleise zur Kompensation der Gleisfeldfläche.
Wichtiger als die Höhe ist die Nutzung. Geplant wird heute auf Anfrage: Ein Hochhaus wird möglich, weil jemand danach fragt, nicht weil der Standort dafür geeignet wäre. Wo Büroraum entsteht, entsteht zugleich eine Wohnraumnachfrage in der Grössenordnung von vier bis fünf Wohnhochhäusern. Ob das Umfeld sie aufnehmen kann, gehört zur selben Frage. Gestellt wird sie heute nicht.
Die Folge lässt sich messen. Basel hat sich wie Zürich in sechzig Jahren von rund zwei Einwohnende je Arbeitsplatz auf eine bewegt. Von 2:1 auf 1:1. Genau da liegt der Grund, warum das Wohnen knapp wird und die Wege länger werden. Heute hat Basel 10-Minuten-Nachbarschaften im Gundeldingen und im Matthäus. Das Potenzial ist um ein Vielfaches grösser, jedoch müsste dazu die Nutzungsplanung angepasst werden.
Wie es anders gehen kann, zeigt Vancouver. Josh White, GM of Planning, nennt diese Praxis application-by-application und stellt sie um.
Broadway ist das Testfeld. Rund 4300 Grundstücke in den Korridoren Broadway und Cambie werden vorgezont, und Hochhauszonen für 18 bis 22 Geschosse, 20 Prozent preisgünstige Mietwohnungen, Kinderbetreuung und Quartierläden stehen neu in der Zonenordnung. Keine separate Umzonung mehr, direkt zur Baubewilligung. Das könnte zwölf bis fünfzehn Monate aus dem Verfahren nehmen.
Dahinter steht eine einfache Einsicht. Man weiss, wie viel Wohnraum gebraucht wird, und man weiss, wo er sich ohne Hochhäuser nicht unterbringen lässt. Wer beides weiss, muss nicht Fall für Fall verhandeln. Er kann es mit klaren Regeln in der Grundordnung festlegen.
Basel könnte denselben Weg gehen. Der Zeitpunkt entscheidet mit, denn Innenentwicklung ist nicht die grüne Wiese. Ein Gebäude wird nur alle dreissig bis fünfzig Jahre erneuert. Was heute nicht in der Nutzungsplanung steht, ist für einen ganzen Immobilienzyklus vergeben.
Neun Minuten, in einem Take. Selten sind neun Minuten so schnell vorbei. Danke an David Sieber für die Einladung.
Original-Beitrag auf LinkedIn ansehen