Sie Agglomeration St.Gallen-Bodensee hat keine einzige 10-Minuten-Nachbarschaft. Auch die Kernstadt St. Gallen hat keine.
Das ist eines der Ergebnisse der Potenzialanalyse, die wir für die AGGLO St.Gallen-Bodensee erarbeitet haben, für die 6. Generation des Agglomerationsprogramms. Untersucht haben wir alle 33 Gemeinden der Agglomeration in drei Kantonen, gemessen an dem, was ein Standort selber trägt: rund 10'000 Einwohnende und idealerweise 5'000 Arbeitsplätze im Umkreis von 500 Metern. In einer Stadt kommen dafür auch Quartierzentren wie St. Fiden in Frage, nicht nur die Innenstadt.
Zehn dieser 33 Gemeinden könnten 10-Minuten-Nachbarschaften entwickeln, die Kernstadt St. Gallen und neun Nebenzentren. Heute hat keine eine.
Dass diese Zahl überrascht, liegt an den unechten 10-Minuten-Nachbarschaften. Ein Zentrum mit Bahnhof, Läden und Praxen sieht aus wie eine. Getragen wird das Angebot aber nicht von denen, die dort wohnen, dafür wohnen zu wenige im Umkreis. Es braucht die Kundschaft aus der Region.
Wer meint, seine Gemeinde habe bereits eine, nennt im selben Atemzug die Symptome. Zu wenig Laufkundschaft. Läden, die es knapp schaffen. Ein Zentrum, das abends leer ist. Das sind keine Argumente gegen eine 10-Minuten-Nachbarschaft. Es sind die Belege dafür, dass noch keine da ist.
Unangenehm wird es bei der Frage, was dort heute überhaupt zulässig ist. Wer die nötige Dichte bauen wollte, dürfte es nach rechtskräftiger Grundordnung nicht. Fast alle diese Gemeinden bekennen sich in ihren Leitbildern zur Innenentwicklung. Mehrere überarbeiten die Grundordnung gerade, und genau dort entscheidet sich, ob aus dem Bekenntnis eine Erlaubnis wird.
Am häufigsten höre ich als Erklärung, die Bevölkerung wolle das nicht. In Flawil haben wir das geprüft, mit Szenarien, die man vor dem formellen Verfahren sehen und diskutieren konnte. Die Zustimmung zur Stärkung des Ortszentrums stieg von 63 auf 93 Prozent.
Es ist also nicht die Bevölkerung, die bremst. Es ist der Zeitpunkt, zu dem man sie fragt. Die formelle Mitwirkung nach Art. 4 RPG setzt an, wenn die Pläne stehen. Diskutiert wird dann über ein fertiges Produkt und nicht über die Frage, wohin die Gemeinde eigentlich will.
In der Stadt St.Gallen läuft eine solche Mitwirkung zur Ortsplanungsrevision noch bis zum 16. Oktober. Ich lese die Unterlagen zurzeit durch, dazu bald mehr.
Aus der Analyse ist im August ein Anlass geworden. Die AGGLO hat die Nebenzentren nach Flawil eingeladen, das diesen Weg hinter sich hat. Beim Spaziergang durch den Ortskern hat es dann zum ersten Mal seit Wochen geregnet – Schutz gab ein Garagenvordach, den Apéro im Rössli haben wir pitschnass erreicht.
Danke an Tobias Winiger und Roman Coray von der REGIO Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee St.Gallen-Bodensee für den Auftrag und die Organisation, an Rolf Claude und René Bruderer von der Gemeinde Flawil für den Einblick vor Ort, und an alle, die aus den Nebenzentren gekommen sind.
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