← Blog

Über die Mieter:innen, die wir nicht sehen.

Über die Mieter:innen, die wir nicht sehen.

Angekündigte Sanierung machen immer wieder Schlagzeile. Über die viel grössere Gruppe Mieter:innen, die längst keine Wohnung mehr in Städten findet, lese ich selten etwas. Diese stille Mehrheit verdient mehr Sichtbarkeit in der wohnpolitischen Debatte.

Ein paar Zahlen geben der Stille einen Rahmen. Seit den 1960er Jahren hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Stadt Zürich fast verdoppelt. Die Einwohnerzahl ist nur leicht gewachsen. Das Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeiten ist heute fast 1:1, früher war es 2:1.

Eine Stadt mit so vielen Einwohner:innen wie Arbeitsplätzen lässt im Schnitt nur Menschen in sich wohnen, die zu 100 Prozent in ihr arbeiten. In der Realität gehören aber natürlich auch Kinder, Pensionierte, Teilzeitarbeitende, Studierende, pflegende Angehörige zu einer Stadt. Sie alle besetzen keine Vollzeitstelle und werden in einer 1:1-Stadt rechnerisch nicht mehr untergebracht. Sie ziehen still weg, finden gar nicht erst eine Wohnung, oder bleiben in einer, die längst nicht mehr passt. Das ist eine Verdrängung, die niemand plakatiert, aber sie betrifft, in der Summe, deutlich mehr Menschen als die sichtbare Verdrängung durch Sanierungen. Aber auch wer hier Vollzeit arbeitet, findet oft keine Wohnung mehr und pendelt, weit und immer länger.

Beide Verdrängungen sind real. Beide tun weh. Und beide hängen miteinander zusammen. Wer als Mieter:in im Bestand wohnt, fühlt sich zunehmend gefährdet, besonders wenn der Sanierungszyklus naht. Der Reflex ist verständlich: Bestand schützen, nichts verändern lassen. Genau dieser Reflex macht die Lage aber langfristig schlimmer. Solange zu wenig Wohnraum gebaut werden darf, bleibt der Druck enorm, und jeder Eingriff am Bestand wird zur Verdrängungsgefahr.

Echter Mieter:innenschutz heisst deshalb an geeigneten Standorten erheblich mehr Wohnraum ermöglichen. Aufstockung leistet je nach Lage einen Beitrag, geht aber nicht überall und reicht allein nie aus. Überbauung des Bestands rechnet sich heute nicht, weil die erlaubten Volumen zu klein sind. Neubau allein schadet mehr, als er nützt, weil er zu wenig ersetzt.

Beides wäre lösbar. Mit einer mutigen BZO-Revision in Zürich. Die Chance besteht gerade. Sie wird nicht genutzt.

Im aktuellen Mai-Magazin des Mieter:innenverbands schreibt Samantha Taylor darüber, warum mehr 10-Minuten-Nachbarschaften Teil der Lösung sind und warum sie gerade jene Mieter:innen schützen, die heute durchs Raster fallen.

Samantha Taylor, danke für den Austausch beim Spaziergang in der 10-Minuten-Nachbarschaft Lindenplatz. Wo leider zu oft das passiert, was nicht passieren sollte. Verdrängung, weil nicht ausreichende Innenentwicklung, weil nur gebaut werden darf, was die veraltete BZO erlaubte und weil auch die neue BZO, die bereits in Vorwirkung ist, die Chance nicht nutzt.

Original-Beitrag auf LinkedIn ansehen

Weitere Beiträge